Wie es ist… einen Suizid zu überleben

Triggerwarnung!!

***Bitte lies diesen Artikel nur, wenn du dich stabil fühlst. Falls du selbst Hilfe brauchst, wende dich bitte an die Telefonseelsorge (Tel.: 0800 1 11 01 11 oder 0800 1 11 02 22) oder schau in unseren Hilfsangeboten nach passenden Anlaufstellen.***

Ich schreibe diesen Artikel sieben Jahre nach meinem versuchten Suizid. Es war mein erster Versuch und mein einziger. Früher hätte ich nicht darüber schreiben können: Es wäre zu früh gewesen, die Narben zu offen. Ich kann mich nicht an das genaue Datum erinnern, ich feiere keinen zweiten Geburtstag und denke an den Tag auch nicht in spezieller Weise. Ich muss sogar nachrechnen, um diese wirren Erinnerungen überhaupt zeitlich einordnen zu können. Meine Mutter hingegen könnte den genauen Tag wahrscheinlich mit Uhrzeit benennen.

Damals kam ich aus meinem Auslandsjahr zurück. Ich hatte meinen ersten richtigen Freund in Irland gefunden und führte ein traumhaftes Leben zwischen Wochenenden an der Küste und Arbeitsleben in der Stadt. Ich hatte Freunde, war jung und lebte den Traum vieler Menschen. Nicht im Traum hätte jemand gedacht, dass es mir schlecht gehen könnte. Ich war eine gut gelaunte, aktive junge Frau, der die Welt offen stand. Dennoch war ich schon im Ausland stark depressiv. Ich habe mich von mir entfremdet gefühlt und mein Leben und das, was ich tat, fast permanent versucht „objektiv“ zu beurteilen um zu merken, wie toll mein Leben doch gerade ist. Aber gefühlt habe ich das alles nicht. Was ist ein perfektes Leben schon wert, wenn man es nicht fühlt? Irgendwann sendete mir mein Körper so starke Signale, dass ich zurück nach Deutschland musste. Verstanden hatte ich das damals natürlich nicht. Meine Beziehung hat das nicht überlebt und ich war gestrandet in Deutschland. Ich wollte hier nicht sein, ich wollte mein Leben in Irland nicht aufgeben. Ich wollte, dass alles anders wäre. Ich wies mich selbst in die Psychiatrie ein, weil ich starke Suizidgedanken hatte. Dort wurde ich für 10 Wochen aufgenommen, gebracht hat es mir zu diesem Zeitpunkt wenig. Dennoch konnte ich ein Jahr lang wieder bei meinen Eltern einziehen und habe es irgendwie überstanden. Es war der erste notwendige Schritt in einer Reihe von notwendigen Interventionen. Fast genau ein Jahr später sagte ich mir: “Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr.” Ich fühlte mich unglaublich losgelöst vom Leben. Da war nur noch Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit und Leere. Da war nichts anderes. Keine Freude, keine Hoffnung auf Besserung, keine Emotionen außer Schmerz. Und das für eine ganze Weile.

Ohne auf genaue Umstände einzugehen kann ich sagen, dass ich irgendwann mit dem Leben abgeschlossen hatte. Ganz ernsthaft. Das war es für mich gewesen. Ich gehörte nicht in diese Welt. Es war beinahe ein rationaler Entschluss, da ich ja nichts mehr fühlte. Ich nahm mir das Leben. Und wachte fünf Tage später auf der Intensivstation wieder auf.

Ich war genauso taub wie vorher. Ich habe mich weder gefreut noch geärgert, dass ich aufgewacht war. Vermutlich war ich aber auch stark medikamentös behandelt worden. Ich kam daraufhin auf eine halb-geschlossene psychiatrische Station. Für neun Monate. Meinen 22. Geburtstag feierte ich auf Station. Für viele Monate hielt ich „gute Tage“ in meinem Tagebuch fest. Ein guter Tag definierte sich dadurch, dass ich nicht zumindest an die Option dachte es nochmal zu versuchen. Mehr konnte ich vom Leben zu dem Zeitpunkt nicht erwarten. Und selbst diese Tage waren rar. Es war ein reiner Überlebenskampf. Ich war so jung und erlebte nichts von der Schönheit der Jugend. Jung ist nicht gleich gesund.

Danach ging es übergangslos in eine stationäre medizinische Rehabilitation. Ich wohnte mit anderen psychisch Erkrankten in einer Art WG und hatte noch psychologische Interventionen und ein Rahmenprogramm. Wieder neun Monate. Als Übergang war das eine gute Sache, anders hätte ich es nicht geschafft. Dennoch erinnere ich mich nicht gerne daran zurück. Insgesamt lebte ich zwei Jahre meines Lebens in psychiatrischen Einrichtungen. Ein ganz schön langer Zeitraum im Rückblick. Das macht was mit dem Selbstverständnis und vor allem mit dem Selbstwert. Ich wusste nicht mehr wie es sich anfühlt Teil der Gesellschaft zu sein.

Nach der medizinischen Reha zog ich nach Bielefeld. Dort erhielt ich noch ambulante Wohnbetreuung und habe mehrere Therapien gemacht. Ich war arbeitsunfähig und zwei Jahre lang nur zuhause. Ich hatte kein Leben. Ich hatte weder die Fähigkeit mich zu konzentrieren, noch konnte ich Menschen gut aushalten. Die meiste Zeit ging es mir richtig schlecht. Und es dauerte bestimmt zwei Jahre, bis ich wirklich sicher sagen konnte, dass ich über einen Suizid nicht erneut nachdenken würde. Leider werde ich es nie versprechen können. Damals war es eine Entscheidung, die ich in genau derselben Situation wiedertreffen würde. Damals schien es eine absolut logische Konsequenz der aktuellen Umstände zu sein. Das klingt absurd und fürchterlich, aber es machte in meinem Kopf tatsächlich Sinn. Heute ist es selbst für mich erschreckend, dass es soweit kommen konnte.

Als ich mich so stabilisiert hatte, dass ich zumindest drei Stunden am Tag arbeitsfähig war, konnte ich eine berufliche Rehabilitation anfangen. Diese ging wieder neun Monate. Sie war aber nur tagsüber und ich konnte normal zuhause weiterwohnen. Es waren wirklich eine Menge Jahre, die ich mich nur mit meinem Wiederaufbau beschäftigt habe. Mein Suizid war der absolute Nullpunkt meines Lebens. Tiefer werde ich nie fallen können. Das ist in manchen Situationen heute ein beruhigender Gedanke, dass ich das hinter mir habe. Natürlich habe ich Angst zu fallen, aber ich kenne den Abgrund immerhin wie meine Westentasche. Der Abgrund ist mein zweites Wohnzimmer.

Heute kann ich sagen, dass ich es zutiefst bereue. Immer an meinem Geburtstag stelle ich mir kurz vor, wie es für meine Angehörigen wäre, wenn es mich jetzt nicht mehr gäbe. Immer an meinem Geburtstag weine ich deshalb zumindest kurz und fühle mich schuldig. Es schmerzt, daran zu denken, dass ich wirklich keinen anderen Ausweg gesehen habe. Es schmerzt auch, daran zu denken, wie einsam ich mich gefühlt habe, obwohl ich es nicht war. Das alles hätte verhindert werden können, wenn nicht in den Jahren zuvor ganz viel ganz falsch gelaufen wäre. Wenn ich rechtzeitig gehört worden wäre, wenn ich mir rechtzeitig Hilfe gesucht hätte oder mir rechtzeitig Hilfe angeboten worden wäre. Alle waren blind, inklusive mir.

Die für mich schmerzhafteste Erinnerung von allen ist die an meinen großen Bruder. Er hatte mich besucht, als ich schon den Entschluss gefasst hatte zu gehen. Ich wusste, das wäre unser letztes Treffen, aber er war ahnungslos und liebenswert. Das bricht mir bis heute das Herz. Es ist einfach ein wahnsinniger Schmerz der bleibt. Der Schmerz, den ich meinen Angehörigen angetan habe und der eigene Schmerz. Dennoch sind diese vielen dunklen Jahre nun Teil meiner Lebensgeschichte. Und ich finde es wichtig, diese Geschichte zu erzählen.

Ich schreibe über das Thema, weil ich es extrem wichtig finde, es ins Bewusstsein zu rufen. Nur weil Suizide nicht im öffentlichen Diskurs stattfinden, finden sie faktisch trotzdem statt. Und es kann als Angehörige jede/n treffen. Ich bin nun wirklich nicht die Einzige, die so eine Geschichte erzählen kann. Laut Statistischem Bundesamt sterben in Deutschland pro Tag über 25 Menschen durch Suizid. Und das erfasst nur die erfolgreich verübten. Diejenigen wie ich, die überleben, sind nicht in der Statistik erfasst. Warum wird da nicht mehr drüber geredet? Nur so könnten wir auch adäquat und vorurteilsfrei in Krisensituationen reagieren. Überforderung durch Unwissenheit ist keine gute Helferin.

Nachdem ich den ersten Entwurf dieses Berichts mit dem Rest des LiliGoesMental Teams geteilt hatte, wurde ich gefragt was sich an meiner Lebenseinstellung zu damals verändert hat. Ich glaube entscheidend für meinen Fall damals war der Verlust der Hoffnung. Als die Hoffnung auf Besserung, die Hoffnung auf Freude, die Hoffnung auf ein gutes Leben (was auch immer das für jede/n Einzelne/n bedeutet) verschwunden war, war mein Lebenswille verschwunden. Das ist der größte Unterschied zu heute: Durch die vielen Jahre habe ich gelernt, dass sich etwas verändern kann. Das waren Mini-Schritte und selten waren Veränderungen richtig greifbar, aber letztendlich kann ich wieder hoffen, auch wenn es mir schlecht geht. Ich habe viele positive Dinge sowohl in den Kliniken als auch außerhalb erlebt, die ich mir nicht mal hätte vorstellen können. Ich habe viel Menschlichkeit, Verständnis und Unterstützung erfahren. Was meine Krankenkasse finanziell in mich investiert hat werde ich vermutlich auf Lebenszeit nicht wieder einbringen können. Ich war überrascht, wie viele professionelle Hilfen es gibt. All das hat zum einen mein Selbstbild verändert aber auch meine Fähigkeit zu hoffen gestärkt.

Bisher wusste nur eine Hand voll Menschen diese Dinge über mich. Das ist ja nun auch kein Smalltalk-Thema. Viele überfordert es natürlich auch ganz berechtigter Weise. Die Gelegenheit meine fundamentalsten Erlebnisse zu teilen finde ich nur sehr selten. Aber verstecken möchte ich mich deshalb nicht. Sie haben mich geprägt und machen mich aus. Gerade im Unikontext finde ich es wichtig, sich die Realität anzuschauen. Auch hier gibt es Suizidfälle. Die Blase der Perfektion und des Leistungsdrucks darf nicht auf ewig die bestimmende Größe bleiben. Es gibt wichtigere Dinge im Leben.

Ich bin mir bewusst, dass dieses Thema polarisieren kann. Auch, dass manche eventuell der Ansicht sind, dass darüber nicht so offen gesprochen werden sollte. Falls es Anregungen oder Kritik gibt, meldet euch gerne bei uns.