Wie es ist…Depressionen

Hallo Welt da draußen!

Manchmal frage ich mich, was wohl Außenstehende Personen über Depression denken. Vielleicht so etwas wie: Dann ist man doch traurig, oder?

Klar, Depressionen können traurig machen. Aber es ist nicht das Hauptsymptom dieser Erkrankung. Es hat so eine Bandbreite an Auswirkungen auf den Körper und den Geist und somit auf das tägliche Leben, dass das Gesamtbild einen wohl traurig macht.

Was genau bedeutet Depression für den Betroffenen dann? Ich kann hier meine Empfindungen beschreiben und interessanterweise weiß ich durch Gespräche, dass es anderen Betroffenen in vielen Punkten ebenso ergeht.

Wenn ich an meine Depression denke, dann fallen mir dazu meine Gedanken ein. Ich bin mit Freunden unterwegs. Auf einer Party vielleicht oder im Park.

Ich fühle mich außen vor. Als würden mich alle angucken und auf mich zeigen. Als würden alle über mich denken: Was will die denn hier? In Wirklichkeit lächeln die Anderen mich vielleicht an oder halten sich zurück, da ich still bin. Aber ich kann nicht anders als still sein, denn ich habe Angst. Angst vor diesen Gefühlen falsch zu sein. Ich fühle mich klein und möchte mich verstecken.

Wenn ich an meine Depression denke, fällt mir der Sport ein. Ich bin beim Fitness in der Uni und es macht Spaß. Und irgendwas triggert mich. Vielleicht der Song, der mich an eine Situation erinnert, oder eine Person im Raum. Es ist wie ein Schalter und plötzlich wird die Welt langsam. Meine Lunge zieht sich zusammen. Es kommt keine Luft hinein. Meine Glieder sind aus Blei. Ich muss stehen bleiben und atmen, um nicht erdrückt zu werden und lauthals loszuheulen. Ich kann nicht mehr. Die Gefühle der Angst und Hilflosigkeit übermannen mich.

Wenn ich an meine Depression denke, kommt mir der Morgen in den Sinn. Meist wache ich mit Schmerzen auf. Im Rücken oder im Kopf. Ich fühle mich erschlagen. Als hätte ich die Nacht durchgemacht, anstatt zu schlafen. Warum aufstehen, wenn man nur Schmerzen hat? Wie soll man morgens aufstehen, wenn die eigenen Hobbys einem keinen Spaß mehr machen? Wie soll man aufstehen, wenn man keine Nähe mehr zu seinem Partner oder Freunden fühlen kann? Wie soll man aufstehen mit dem Gefühl ungenügend zu sein? Warum aufstehen, wenn einen nichts erwartet?

Wenn ich an Depression denke, dann fällt mir dieses eine Gefühl ein. Als wäre mein Körper unfassbar schwer. Jede Bewegung ist ermüdend und anstrengend. So als würde ich einen Druck auf mir spüren wie beim Tauchen, als wäre ich am Boden eines tiefen Meeres mit kilometerweiten dunklem Wasser über mir. Kalt und drückend.

Ihr merkt die Gefühle, die meine Depression auslöst, und die Situationen sind vielfältig und es fallen mir noch so viele mehr ein. Man sollte nicht vergessen, dass Depression eine psychische Erkrankung ist, die sehr komplex wird. Auf geistiger und emotionaler Ebene kann sie so viele Einflüsse haben. Und der Körper leidet immer mit. Erdrückende Gedanken und Emotionen sind ein unfassbarer Stress für den Körper und daher ist es kein Wunder Probleme mit dem Rücken zu bekommen, dem Magen, dem Kopf oder sogar schwerere Krankheiten. Viele Betroffene, die ich kenne, haben auch körperliche Beschwerden. Und geht es einem körperlich schlecht, wirkt es auch auf die Psyche.

Depressionen sind erdrückend und ein schwieriges Thema, aber solltest du jemanden mit Depressionen kennen habe nicht nur Mitleid. Versuche auch weitere Aspekte an der Person zu sehen, die diese ausmacht, denn da werden reichlich sein. Ein Mensch mit Depressionen ist unfassbar stark, mutig und geduldig. Stark, diese schweren Gefühle und andauernden Schmerz auszuhalten und diese unfassbar schwierigen Themen, die einem begegnen, anzugehen. Jede Situation im Alltag kann eine Herausforderung darstellen, denn sie kann einen auf eine Art treffen, wie sie es ohne Depression nicht tun würde. Diese Herausforderungen anzugehen ist mutig und bedarf viel Geduld.  Wenn Erkrankte ihre Lage verändern wollen, müssen sie sich selbst verändern. Und das funktioniert mit Übung, gefühlt ewig lang und ewig oft.

Die Depression, finde ich, birgt neben all dem Leid etwas sehr Wichtiges. Wenn ich einen langen, produktiven Tag hatte und es mir abends anfängt schlecht zu gehen, weist sie mich darauf hin einen Gang runterzuschalten und mir und meinem Körper Gutes zu tun. Im diesem Sinne ist die Depression wie ein Aufpasser für mich. Sie zeigt mir meine Grenzen und erinnert mich daran auf mich Acht zu geben.

Solltest du an Depression erkrankt sein, denke daran, egal wie wütend und verzweifelt man wegen der Situation sein mag, die Depression bietet immer das Potential zu wachsen. Es bietet dir die Möglichkeit dich mit dir zu befassen und dich näher kennen zu lernen. Sie hilft dir über den Horizont hinauszuschauen und zu erfahren ganz du selbst zu sein. Du wirst dich lieben lernen und Reichtum in deinem Leben finden, den du vorher nicht wahrnehmen konntest. Deine persönliche Weiterentwicklung wird zwangsläufig zum Thema Nummer eins und was gibt es Schöneres als sich die Erlaubnis zu geben ganz für sich da zu sein und sich um sich selbst zu kümmern.

Meine Depression hat mir gezeigt, dass es so viel Unentdecktes in meinem Leben gibt, worauf ich mich freue dem zu begegnen. Meine Depression hat mich für mich achtsam gemacht und ich bin mit Dankbarkeit gefüllt die Möglichkeit zu haben mich wieder zu finden. Ich bin stark und mutig und geduldig. Ich trage Liebe in mir, für mich und meine Umwelt. Ich trage Schmerz, ich trage Heilung und ich bin mir absolut sicher alles in mir zu tragen, was ich benötige, um zu wachsen und wieder aus dem Herzen lachen zu können. Und ich bin mir absolut sicher, dass jedes Wesen auf dieser Erde und damit jeder Mensch dieses Potential und diese Fülle in sich trägt. Jeder von uns kann diese finden, auch wenn manchmal Hilfe von Nöten ist. Wenn du also an Depressionen erkrankt bist lass dir sagen: Ich glaube an dich und wünsche dir noch alles Gute auf deinem weiteren Weg. Bleib mutig und stark. Vertraue auf dein Innerstes und darauf wer du bist. Vertraue darauf was kommt.

Rock on & Namaste´

Wie es ist… einen Suizid zu überleben

Triggerwarnung!!

***Bitte lies diesen Artikel nur, wenn du dich stabil fühlst. Falls du selbst Hilfe brauchst, wende dich bitte an die Telefonseelsorge (Tel.: 0800 1 11 01 11 oder 0800 1 11 02 22) oder schau in unseren Hilfsangeboten nach passenden Anlaufstellen.***

Ich schreibe diesen Artikel sieben Jahre nach meinem versuchten Suizid. Es war mein erster Versuch und mein einziger. Früher hätte ich nicht darüber schreiben können: Es wäre zu früh gewesen, die Narben zu offen. Ich kann mich nicht an das genaue Datum erinnern, ich feiere keinen zweiten Geburtstag und denke an den Tag auch nicht in spezieller Weise. Ich muss sogar nachrechnen, um diese wirren Erinnerungen überhaupt zeitlich einordnen zu können. Meine Mutter hingegen könnte den genauen Tag wahrscheinlich mit Uhrzeit benennen.

Damals kam ich aus meinem Auslandsjahr zurück. Ich hatte meinen ersten richtigen Freund in Irland gefunden und führte ein traumhaftes Leben zwischen Wochenenden an der Küste und Arbeitsleben in der Stadt. Ich hatte Freunde, war jung und lebte den Traum vieler Menschen. Nicht im Traum hätte jemand gedacht, dass es mir schlecht gehen könnte. Ich war eine gut gelaunte, aktive junge Frau, der die Welt offen stand. Dennoch war ich schon im Ausland stark depressiv. Ich habe mich von mir entfremdet gefühlt und mein Leben und das, was ich tat, fast permanent versucht „objektiv“ zu beurteilen um zu merken, wie toll mein Leben doch gerade ist. Aber gefühlt habe ich das alles nicht. Was ist ein perfektes Leben schon wert, wenn man es nicht fühlt? Irgendwann sendete mir mein Körper so starke Signale, dass ich zurück nach Deutschland musste. Verstanden hatte ich das damals natürlich nicht. Meine Beziehung hat das nicht überlebt und ich war gestrandet in Deutschland. Ich wollte hier nicht sein, ich wollte mein Leben in Irland nicht aufgeben. Ich wollte, dass alles anders wäre. Ich wies mich selbst in die Psychiatrie ein, weil ich starke Suizidgedanken hatte. Dort wurde ich für 10 Wochen aufgenommen, gebracht hat es mir zu diesem Zeitpunkt wenig. Dennoch konnte ich ein Jahr lang wieder bei meinen Eltern einziehen und habe es irgendwie überstanden. Es war der erste notwendige Schritt in einer Reihe von notwendigen Interventionen. Fast genau ein Jahr später sagte ich mir: “Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr.” Ich fühlte mich unglaublich losgelöst vom Leben. Da war nur noch Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit und Leere. Da war nichts anderes. Keine Freude, keine Hoffnung auf Besserung, keine Emotionen außer Schmerz. Und das für eine ganze Weile.

Ohne auf genaue Umstände einzugehen kann ich sagen, dass ich irgendwann mit dem Leben abgeschlossen hatte. Ganz ernsthaft. Das war es für mich gewesen. Ich gehörte nicht in diese Welt. Es war beinahe ein rationaler Entschluss, da ich ja nichts mehr fühlte. Ich nahm mir das Leben. Und wachte fünf Tage später auf der Intensivstation wieder auf.

Ich war genauso taub wie vorher. Ich habe mich weder gefreut noch geärgert, dass ich aufgewacht war. Vermutlich war ich aber auch stark medikamentös behandelt worden. Ich kam daraufhin auf eine halb-geschlossene psychiatrische Station. Für neun Monate. Meinen 22. Geburtstag feierte ich auf Station. Für viele Monate hielt ich „gute Tage“ in meinem Tagebuch fest. Ein guter Tag definierte sich dadurch, dass ich nicht zumindest an die Option dachte es nochmal zu versuchen. Mehr konnte ich vom Leben zu dem Zeitpunkt nicht erwarten. Und selbst diese Tage waren rar. Es war ein reiner Überlebenskampf. Ich war so jung und erlebte nichts von der Schönheit der Jugend. Jung ist nicht gleich gesund.

Danach ging es übergangslos in eine stationäre medizinische Rehabilitation. Ich wohnte mit anderen psychisch Erkrankten in einer Art WG und hatte noch psychologische Interventionen und ein Rahmenprogramm. Wieder neun Monate. Als Übergang war das eine gute Sache, anders hätte ich es nicht geschafft. Dennoch erinnere ich mich nicht gerne daran zurück. Insgesamt lebte ich zwei Jahre meines Lebens in psychiatrischen Einrichtungen. Ein ganz schön langer Zeitraum im Rückblick. Das macht was mit dem Selbstverständnis und vor allem mit dem Selbstwert. Ich wusste nicht mehr wie es sich anfühlt Teil der Gesellschaft zu sein.

Nach der medizinischen Reha zog ich nach Bielefeld. Dort erhielt ich noch ambulante Wohnbetreuung und habe mehrere Therapien gemacht. Ich war arbeitsunfähig und zwei Jahre lang nur zuhause. Ich hatte kein Leben. Ich hatte weder die Fähigkeit mich zu konzentrieren, noch konnte ich Menschen gut aushalten. Die meiste Zeit ging es mir richtig schlecht. Und es dauerte bestimmt zwei Jahre, bis ich wirklich sicher sagen konnte, dass ich über einen Suizid nicht erneut nachdenken würde. Leider werde ich es nie versprechen können. Damals war es eine Entscheidung, die ich in genau derselben Situation wiedertreffen würde. Damals schien es eine absolut logische Konsequenz der aktuellen Umstände zu sein. Das klingt absurd und fürchterlich, aber es machte in meinem Kopf tatsächlich Sinn. Heute ist es selbst für mich erschreckend, dass es soweit kommen konnte.

Als ich mich so stabilisiert hatte, dass ich zumindest drei Stunden am Tag arbeitsfähig war, konnte ich eine berufliche Rehabilitation anfangen. Diese ging wieder neun Monate. Sie war aber nur tagsüber und ich konnte normal zuhause weiterwohnen. Es waren wirklich eine Menge Jahre, die ich mich nur mit meinem Wiederaufbau beschäftigt habe. Mein Suizid war der absolute Nullpunkt meines Lebens. Tiefer werde ich nie fallen können. Das ist in manchen Situationen heute ein beruhigender Gedanke, dass ich das hinter mir habe. Natürlich habe ich Angst zu fallen, aber ich kenne den Abgrund immerhin wie meine Westentasche. Der Abgrund ist mein zweites Wohnzimmer.

Heute kann ich sagen, dass ich es zutiefst bereue. Immer an meinem Geburtstag stelle ich mir kurz vor, wie es für meine Angehörigen wäre, wenn es mich jetzt nicht mehr gäbe. Immer an meinem Geburtstag weine ich deshalb zumindest kurz und fühle mich schuldig. Es schmerzt, daran zu denken, dass ich wirklich keinen anderen Ausweg gesehen habe. Es schmerzt auch, daran zu denken, wie einsam ich mich gefühlt habe, obwohl ich es nicht war. Das alles hätte verhindert werden können, wenn nicht in den Jahren zuvor ganz viel ganz falsch gelaufen wäre. Wenn ich rechtzeitig gehört worden wäre, wenn ich mir rechtzeitig Hilfe gesucht hätte oder mir rechtzeitig Hilfe angeboten worden wäre. Alle waren blind, inklusive mir.

Die für mich schmerzhafteste Erinnerung von allen ist die an meinen großen Bruder. Er hatte mich besucht, als ich schon den Entschluss gefasst hatte zu gehen. Ich wusste, das wäre unser letztes Treffen, aber er war ahnungslos und liebenswert. Das bricht mir bis heute das Herz. Es ist einfach ein wahnsinniger Schmerz der bleibt. Der Schmerz, den ich meinen Angehörigen angetan habe und der eigene Schmerz. Dennoch sind diese vielen dunklen Jahre nun Teil meiner Lebensgeschichte. Und ich finde es wichtig, diese Geschichte zu erzählen.

Ich schreibe über das Thema, weil ich es extrem wichtig finde, es ins Bewusstsein zu rufen. Nur weil Suizide nicht im öffentlichen Diskurs stattfinden, finden sie faktisch trotzdem statt. Und es kann als Angehörige jede/n treffen. Ich bin nun wirklich nicht die Einzige, die so eine Geschichte erzählen kann. Laut Statistischem Bundesamt sterben in Deutschland pro Tag über 25 Menschen durch Suizid. Und das erfasst nur die erfolgreich verübten. Diejenigen wie ich, die überleben, sind nicht in der Statistik erfasst. Warum wird da nicht mehr drüber geredet? Nur so könnten wir auch adäquat und vorurteilsfrei in Krisensituationen reagieren. Überforderung durch Unwissenheit ist keine gute Helferin.

Nachdem ich den ersten Entwurf dieses Berichts mit dem Rest des LiliGoesMental Teams geteilt hatte, wurde ich gefragt was sich an meiner Lebenseinstellung zu damals verändert hat. Ich glaube entscheidend für meinen Fall damals war der Verlust der Hoffnung. Als die Hoffnung auf Besserung, die Hoffnung auf Freude, die Hoffnung auf ein gutes Leben (was auch immer das für jede/n Einzelne/n bedeutet) verschwunden war, war mein Lebenswille verschwunden. Das ist der größte Unterschied zu heute: Durch die vielen Jahre habe ich gelernt, dass sich etwas verändern kann. Das waren Mini-Schritte und selten waren Veränderungen richtig greifbar, aber letztendlich kann ich wieder hoffen, auch wenn es mir schlecht geht. Ich habe viele positive Dinge sowohl in den Kliniken als auch außerhalb erlebt, die ich mir nicht mal hätte vorstellen können. Ich habe viel Menschlichkeit, Verständnis und Unterstützung erfahren. Was meine Krankenkasse finanziell in mich investiert hat werde ich vermutlich auf Lebenszeit nicht wieder einbringen können. Ich war überrascht, wie viele professionelle Hilfen es gibt. All das hat zum einen mein Selbstbild verändert aber auch meine Fähigkeit zu hoffen gestärkt.

Bisher wusste nur eine Hand voll Menschen diese Dinge über mich. Das ist ja nun auch kein Smalltalk-Thema. Viele überfordert es natürlich auch ganz berechtigter Weise. Die Gelegenheit meine fundamentalsten Erlebnisse zu teilen finde ich nur sehr selten. Aber verstecken möchte ich mich deshalb nicht. Sie haben mich geprägt und machen mich aus. Gerade im Unikontext finde ich es wichtig, sich die Realität anzuschauen. Auch hier gibt es Suizidfälle. Die Blase der Perfektion und des Leistungsdrucks darf nicht auf ewig die bestimmende Größe bleiben. Es gibt wichtigere Dinge im Leben.

Ich bin mir bewusst, dass dieses Thema polarisieren kann. Auch, dass manche eventuell der Ansicht sind, dass darüber nicht so offen gesprochen werden sollte. Falls es Anregungen oder Kritik gibt, meldet euch gerne bei uns.

Wie es ist… während Corona auch noch depressiv zu sein

Ich bin einer der Menschen, denen das Leben nicht zufliegt. Alltag bedeutet für mich auch jenseits von Corona schon Anstrengung: Mich selbst zu motivieren, Termine wahrzunehmen, für mich und andere zuverlässig sein, kochen, Haushalt machen, einkaufen, Sport treiben… Das sind für mich alles Aufgaben und all das bedeutet Anstrengung. Manches davon ist schön, und trotzdem anstrengend. Mich mit Freunden zu treffen (sofern vorhanden) ist anstrengend. Gut und wichtig und wertvoll, aber anstrengend. Mein Kopf ist hyperaktiv und gleichzeitig sind meine Kräfte begrenzt. Permanent. Und dann ist da noch so ein Studium, das bewältigt werden möchte. Studieren mit psychischer Erkrankung fliegt mir natürlich noch weniger zu als der Rest meines Lebens, aber ich hatte für mich einen Rhythmus gefunden, der mal mehr und mal weniger gut funktioniert hat. Viele Vorlesungen habe ich sowieso von zu Hause gemacht, weil der Weg zur Uni und die vielen fremden Menschen vor Ort ein zu großer Kraftaufwand waren. Aber ich habe mir weise überlegt, welche „Wohlfühlkurse“, (also Kurse, an denen ich Freude habe, die mich fordern und mich zwingen zur Uni zu kommen, mich aber nicht überlasten) ich besuche. Das war ein fragiles Konstrukt, aber es war ein Konstrukt, das mir wahnsinnig viel bedeutet hat. Ich konnte zu einem gewissen Grad am Leben teilnehmen. Mir ging es trotzdem selten gut, im Sinne von: GUT. Aber ich habe Dinge geschafft und konnte stolz auf mich sein, wenn ich eine Woche gemeistert habe, ohne etwas ausfallen zu lassen. Wenn ich Stabilität in meinem Handeln erkennen konnte. Die kleinen Erfolge des Alltags und die damit verbundene Hoffnung auf ein zufriedenes Leben – irgendwann in der Zukunft – waren mein Motor.

Naja, bis dann alles schallend zusammengebrochen ist. Eigentlich bin ich sehr gut davon gekommen was Corona betrifft: Ich habe eine Wohnung, einen Freund der diese mit mir teilt, ich könnte den ganzen Tag zuhause bleiben wenn ich wollte und müsste mich keinem Risiko aussetzen. Ich habe keine Kinder, die betreut werden möchten und keine todkranken Angehörigen. Wir leben alle und mit BaFög bin ich vorläufig abgesichert. Also was für Probleme sollte ich haben, die sich nicht nach Luxus-Problemen und meckern auf hohem Niveau anhören? Da ist eben meine Psyche. Die, die eh schon wahnsinnig sensibel auf alles reagiert, die schon viel mitgemacht hat und die sich wünscht, Ruhe und Zuversicht zu bekommen. Eine Psyche, die verwundet und lange nicht geheilt ist. Eine, die mit halber Kraft permanent versucht den Lebensanforderungen halbwegs gerecht zu werden und nun noch mehr Gegenwind bekommt, wodurch noch mehr Kraft verloren geht. Das sind alles Dinge die innerlich stattfinden. Nichts davon ist „real“ wenn man so will. Nichts ist verankert in der physischen Welt. Letztendlich interessiert es niemanden, weil es nur mich betrifft. „Studierende müssen ja nur zu Hause bleiben, mehr nicht. Die haben es ja noch gut.“ Aber ganz ehrlich? Mir geht’s nicht besonders gut. Die ersten Wochen waren vielleicht noch okay, irreal, endlich mal durchatmen und so richtig die Wohnung ausmisten. Aber dann habe ich jedes Loch mitgenommen, das sich auf meinem Weg aufgetan hat. Ich bin für Krisen nicht besonders geeignet.

„Struktur im Alltag ist wichtig. Setzten Sie sich feste Termine, auch für Spaziergänge und schöne Dinge.“ – ja klar, muss man aber auch können. Es ist ja nicht so, dass mir das in normalen Zeiten leichtfiele. Das ist eine der größten Herausforderungen des gesamten Studiums für mich. Und jetzt, in einer Krisensituation soll das plötzlich die ultimative Lösung sein, die sich einfach so umsetzten lässt?

„Machen Sie sich nicht so viel Stress, es versuchen alle kulant zu reagieren.“ – ja, das kann man nur hoffen. Interessiert es das BaFög-Amt wirklich, ob ich eine depressive Phase hatte oder nicht? Ich MUSS bestimmte Dinge dieses Semester schaffen, das ist die Deadline. Können die Klausuren überhaupt stattfinden? Keine Ahnung. Also, man kann natürlich versuchen sich da keinen Stress zu machen, aber ignorieren kann man diese existenzielle Unsicherheit ja auch nicht. Ganz zu Schweigen von der finanziellen Entlastung, die mein Nebenjob mir gebracht hat, der nun wegfällt. (Endlich mal reale Probleme, die Menschen verstehen! Immerhin.)

Als mir das alles so bewusstwurde, was jetzt gerade doch längerfristig nicht mehr funktionieren wird für mich, gab es Tage, an denen ich im 10-Minuten-Takt heulen musste. Ich bin aufgewacht und wollte nur den Tag ohne größeren Schaden überstehen. Die mühevolle Arbeit der letzten Jahre mich selbst zu stabilisieren schien völlig verloren. Alle Hoffnung auf Besserung schien verloren. Meine Zukunft fühlte sich leer und schwarz an. Ich habe meine Nachbarn gehasst, weil sie so laut waren und habe im nächsten Moment geweint, weil ich mich so nach Ruhe gesehnt habe. Mir war es zu viel, das Haus zu verlassen und gleichzeitig habe ich mich eingesperrt gefühlt. Ich hatte Angst an einen psychischen Punkt zu kommen, den ich dachte schon vor langer Zeit überwunden zu haben. Ich hatte Angst vor meinen eigenen Gedanken und war geschockt zu merken, wie schnell mein Kopf alte Denkmuster und die gut bekannte Hoffnungslosigkeit reaktivieren konnte.

Während andere Menschen Skype-Spieleabende und Online-Dates ausgerichtet haben, saß ich zu Hause und habe mir selbst vorgeworfen, dass ich es scheinbar nicht hinkriege, Freunde zu finden. Das macht Sinn: Alles ist für mich anstrengend, da kriege ich es meist nicht noch groß hin zu socializen – DER Kraftaufwand schlechthin. Aber das rächte sich nun, weil ohne socializen natürlich auch keine sozialen Kontakte entstehen. Das muss doch an mir liegen! Vielleicht bin ich einfach nicht liebenswert? Zu schräg? Zu krank? Natürlich ist das Quatsch, aber wenn man schon in einer Schleife des Elends ist, dann ist es so wahnsinnig leicht den Rest Selbstwert zu verlieren der vorher vielleicht noch da war.

Für mich war es also jetzt über einen Monat extrem schwer, mich selbst wiederzufinden. Mich in der Situation zu verorten. Ich musste in aller erster Linie versuchen den freien Fall und das schwarze Loch zu verlassen. Uni? Das war mein geringstes Problem. Gleichzeitig aber vielleicht auch Teil der Lösung: Mein momentanes Highlight sind Zoom-Vorlesungen. Das sind die einzig festen Termine, die ich so habe. Ein Anker in der Woche. Immerhin.

Zweitens: Sport. Ich Jogge möglichst regelmäßig und habe mir die DVD von “Charlotte Crosby – “3 Minute Belly Blitz“ gekauft. Das Cover gehört verboten und die Werbestrategie zielt auf Gewichtsverlust ab, aber das kann ich gut ausblenden. Es ist natürlich nicht Sinn der Sache, sich noch zusätzlich mit dem eigenen Körper schlecht zu fühlen oder die fehlende Fitness (die man auf jeden Fall hat wenn man die Work-Outs zum ersten Mal macht) zu bemängeln. Es ist ein 36-minütiges Work-Out, in dem ich im Wohnzimmer ins Schwitzen komme. Es wird gekickboxed, getreten und geschlagen und Springseil gesprungen (ohne echtes Springseil) und gleichzeitig frage ich mich manchmal, was ich da eigentlich mache. Die Absurdität des Work-Outs bringt mich regelmäßig zum Schmunzeln, und wenn ich Übungen wie „Ice-Skater“ oder „Ski-Jumps“ mache, dann fühlt sich das so lächerlich an, dass es ein bisschen erleichternd ist. Meine Freundin hat mir die DVD empfohlen, daher habe ich nicht das Gefühl, das ganz alleine zu machen. Der Muskelkater hilft mir auch dabei, mich selbst zu spüren.

Drittens: Postcrossing. Wer noch nicht davon gehört hat: Da schickt man sich weltweit Postkarten zu. Und da die ganze Welt gerade betroffen ist, finde ich das einen wunderschönen Austausch und einen guten Weg, um den Kontakt zur Welt nicht zu verlieren. Bei mir hat sich daraus sogar eine Brieffreundschaft nach Frankreich entwickelt. Eines Tages im März, mitten im Lockdown, kam eine Karte aus Frankreich, die mich tief berührte. Auf Anhieb fühlten wir uns verbunden und erhielten die Freundschaft aufrecht. Diese Entwicklung kam so unerwartet und ist genau deshalb das Beste, das mir in dieser Krise bisher passiert ist.

Viertens: Ablenkung. Je schlechter es mir geht, desto mehr Ablenkung brauche ich. Backen, Häkeln, Sticken, Herzkino im ZDF, Scrabbeln, Aufräumen … Was sich so finden lässt. Und auch dabei kann es passieren, dass ich plötzlich anfange zu weinen, aber es ermöglicht mir Schadensbegrenzung zu betreiben. Wenn ich nach Rezept koche, dann muss ich mich aufs Rezept konzentrieren und kann nicht so viel Mist denken. Je länger ich im Negativdenken bleibe, desto mehr kommen mir die Gedanken nämlich als Wahrheiten vor. An Uni, lernen, lesen ist in diesen Momenten überhaupt nicht zu denken. Da versuche ich dann auch möglichst bewusst mir keinen zusätzlichen Druck zu machen.

Fünftens: Professionelle Hilfe. Natürlich habe ich auch Gebrauch meiner schon etablierten professionellen Netzwerke gemacht. Meine Psychologin und meine Psychiaterin machen ihren Job ja zum Glück weiter.

So muss jede/r für sich kleine Anker finden, aber es ist und bleibt nicht einfach. Die Hoffnungslosigkeit ist trotzdem oft da. Auch die Antriebslosigkeit. Auch die völlig fehlende Motivation. Auch die Tage, an denen ich kaum aus dem Bett komme und dann den Rest des Tages fernsehe, weil mein Kopf sich anfühlt wie Schleim. Und über allem thront natürlich das Gefühl, dass es eigentlich niemanden interessiert und ich mich vielleicht einfach mehr anstrengen sollte. Corona verstärkt für mich alles, das eh schon nicht rund lief. An den Wiederaufbauprozess nach Corona, wenn alle davon ausgehen, dass man direkt wieder zu 100% funktioniert, will ich erst gar nicht denken. Damit befasse ich mich später.

Ein letzter Tipp: Auch das Schreiben dieses Posts hat mir geholfen, mich besser zu verorten. Das Reflektieren hat meinen Gedanken wieder mehr Legitimität gegeben. Das hört sich alles gar nicht so irre an wie es sich in meinem Kopf anfühlt. Falls ihr also einen Gastbeitrag schreiben wollt, mailt uns gerne oder schreibt ihn einfach für euch selbst, ohne dass ihn wer anders liest. Bitte passt auf euch auf und sucht euch Hilfe, BEVOR es richtig schlimm wird!