Wie ist es… jemanden an Corona zu verlieren

CW: Tod, Krankheit

Meine Trauer kommt in den leisen Momenten; in den Momenten, in denen ich nachts wach liege und dem Mond dabei zusehe, wie er über den Himmel zieht.
Meine Trauer kommt auch in den lauteren Momenten; wenn ich mit Freund*innen lache und mich darauf freue, dass das Leben bald wieder „normaler“ wird.

Vor einem Jahr hätte ich nicht erahnen können, wie sehr Corona mich treffen wird und heute –fast 1 ½ Jahre nach Beginn der Pandemie – schreibe ich über meine Trauer, um den lauten und leisen Gedanken in meinem Kopf Raum zu geben.
Ich sage, dass Corona mich getroffen hat; dabei stimmt das nicht mal zu 100%, denn ich selbst war nie erkrankt. Klar, die Schließung der Uni, die soziale Einsamkeit und der Verlust vieler alltäglicher Freuden und Strukturen haben auch mich getroffen, aber nicht das Virus selbst. Bisher konnte ich mich vor einer Erkrankung schützen. Und vielleicht hätte ich selbst bei einer Ansteckung gute Chancen gehabt, als 24-jährige ohne große Vorerkrankungen. Das war bei vielen meiner Familienmitgliedern nicht der Fall.

Mein Onkel ist erkrankt; meine Tante; meine Mutter; jede*r meiner vier Großeltern. Und mein Opa ist vor gut vier Monaten an Corona gestorben. Nicht „mit Corona“, sondern an. Denn sein Krankheitsverlauf war schnell und eindeutig: Mit grippalen Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert – eine Woche vor seinem Impftermin – wo er dann nach einigen Tagen auf die Intensivstation verlegt wurde. Das war der erste Schock. Als ich diese Nachricht in der Familiengruppe las, war ich gerade im LiLiGoesMental-Meeting und erst mal konnte ich nur regungslos auf mein Handy schauen, denn obwohl ich zu dem Zeitpunkt noch nicht viel Konkretes wusste, ließ das Wort Intensivstation nichts Gutes vermuten. Der nächste Schock kam nach einigen Tagen als mein Opa dann ins künstliche Koma verlegt wurde, da sein Zustand derartig kritisch war. Die Chancen auf Besserungen wurden täglich weniger und schließlich aussichtslos als sich ein Pilz in seine Lunge einnistete, bedingt durch die künstliche Beatmung. Kurz darauf ist mein Opa alleine verstorben, seine Frau, meine Oma, lag nur einige Etagen weiter oben in einem anderen Krankenbett, ihre Symptome waren deutlich weniger invasiv. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, eine Person zu verlieren, mit der man 61 Jahre verheiratet ist und sieben Kinder großgezogen hat, still und leise, ohne sich verabschieden zu können.


Meine Trauer ist auch still und leise: nicht mal meine Familie, die Kinder meines Opas, konnte ich in den Arm nehmen als wir alle gemeinsam und doch jede*r für sich geweint haben. Die Trauerfeier war begrenzt auf 25 Leute; meine Oma ist sicher, dass ohne Begrenzung die Kirche nicht ausgereicht hätte für all die Menschen, die mein Opa kannte. Am Anfang, und immer mal wieder zwischendurch, habe ich mich gefragt, ob ich überhaupt trauern darf-? Und wie? Da sind seine Kinder, die ihn so viel länger und wahrscheinlich auch besser kannten als ich; meine Oma, welche ich in fast kindlicher Naivität immer nur als Einheit mit meinem Opa gesehen habe; und auch der Gedanke, dass bereits zahllose andere Menschen Angehörige durch Corona verloren haben. Wo passe ich da rein? Ich weiß es nicht, aber Trauer macht vor Unwissenheit keinen Halt und so werde ich immer mal wieder leise, wenn ich daran denke, dass ich meinen Opa nur rein zufällig das letzte Mal gesehen habe, als ich etwas abholen wollte: „Tschüss, pass auf Dich auf. Bis bald“. Wenn an meinem Geburtstag acht Wochen danach, meine Oma nicht mehr das Telefon an ihn weiterreicht, um mir zu gratulieren. Wenn ich durch das Haus meiner Großeltern gehe, welches wöchentlich leerer wird, da meine Oma in ein Pflegeheim umgezogen ist. Und während wir das Haus, in dem ich als Kind liebend gerne übernachtet, mir Kartenspiele ausgedacht und Keksdosen geplündert habe, entrümpeln, um es zu verkaufen, fühlt es sich manchmal so an, als ob die Möbel zwar weniger werden aber die Erinnerungen mehr.


Auf der anderen Seite meiner Familie hat meine Oma seit sechs Monaten mit den Folgen von Corona zu kämpfen. Sie und mein Opa waren auch mit Ende 70 selbstständig und stets unterwegs, bevor sie beide im Dezember an Corona erkrankt sind. Während mein Opa nichts weiter hatte als ein wenig Husten, hatte meine Oma schon in der akuten Krankheitsphase stärkere Symptome. Bis heute hat sie mit den Langzeitfolgen zu kämpfen: kraftlose Gliedmaßen, Schwindel, Müdigkeit. Das mag sich nach nicht viel anhören, aber ich sehe jeden Tag, welch einen Einschnitt die Krankheit für ihr Leben und auch meines bedeutet hat. Ich lebe mit meiner Familie in einem Zweifamilienhaus, meine Großeltern in der unteren Etage sind also innerhalb von Sekunden erreichbar und Lebenswelten lassen sich schwer trennen. Seit Dezember helfe ich bei der Pflege meiner Oma, die zwar minimal Fortschritte macht, aber wohl nie mehr gesundheitlich fit genug sein wird, um mit mir in der Stadt zu bummeln und Essen zu gehen wie zuvor. Zwischen Vorlesungen helfe ich im Haushalt, koche Essen, fahre einkaufen und begleite Ärzt*innenbesuche, versuche eine mentale Stütze zu sein. Im Wintersemester habe ich Seminare abgebrochen, da ich es zeitlich und emotional nicht mehr geschafft habe, den diversen Anforderungen gerecht zu werden. Ich sehe, wie sehr meine Oma dafür kämpft, fitter zu werden und ich sehe auch, wie schwer es ihr fällt, körperlichen Einschränkungen und neue Abhängigkeit anzunehmen. Als Angehörige fällt auch mir dies zeitweilen schwer und ich frage mich immer und immer wieder, warum gerade meine Großeltern an Corona erkranken mussten. Natürlich lassen sich Gesundheit und Krankheit nicht in Fairness messen, aber jeglicher andere Maßstab erscheint mir ebenso falsch. Ist Hoffnung vielleicht passender-?

Trauer, Schmerz und Vermissen. Ich habe in den letzten Monaten eine Bandbreite an Gefühlen durchlebt, die ich nicht mal in Worte fassen kann und gerade das macht das Trauern so einsam. Wie soll ich jemandem erklären, wie ich mich fühle, wenn ich es selbst nicht einmal weiß, wie? Wenn meine eigenen Emotionen sich unendlich viel größer anfühlen als das, was ich zu verstehen begreifen vermag-? Trauer ist keine monolithische Erfahrung: Ich trauere um meinen verstorbenen Opa ebenso wie ich um ungelebte Zukunftspläne mit meiner Oma trauere.
Ich trauere in den ruhigen Momenten, weine wenn ich alleine bin. In den lauten Momenten frage ich mich, was alles hätte anders sein können, gäbe es das Virus nicht.


Anlaufstellen zum Thema “Trauer” in Bielefeld:

Kreativ der Trauer begegnen

Trauernetzwerk Bielefeld

Psychotherapie bei Trauer in Bielefeld

Schreibe einen Kommentar