Zukunftsangst

Von Michelle Piwek

Ich studiere schon ziemlich lange. Inzwischen bin ich im 11. Fachsemester und im 13. Unisemester. Dass ich die Regelstudienzeit überschritten habe, ist ziemlich offensichtlich. Aber warum brauche ich so lange für mein Studium? Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Zum einen liegt es, denke ich, an meinen mentalen Problemen. Ich hatte in den letzten Jahren ziemlich damit zu kämpfen; so sehr, dass fast meine gesamte Kapazität dafür aufgebraucht wurde, einfach nur weiterzumachen (auch wenn ich das erst verstanden habe, seit ich in Therapie bin). Außerdem habe ich im Verlauf der Jahre gemerkt, dass ich mehr Pausen brauche, mehr Zeit, um mich auszuruhen. Während andere ihren Stundenplan komplett vollpacken, habe ich nicht mehr als vier bis fünf Seminare pro Semester. Am Anfang hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, ich habe mich für faul gehalten. Inzwischen weiß ich, dass ich hochsensibel bin (selbst diagnostiziert, aber von meiner Therapeutin unterstützt); ich habe keinen Reizfilter, ich nehme alles viel mehr wahr. Das bedeutet dann auch, dass mein Gehirn mehr Zeit braucht, um alles zu verarbeiten. Wenn ich mir diese Zeit nicht nehme, gerate ich schnell an meine Belastungsgrenze. Deswegen auch weniger Veranstaltungen für mein Studium.

Es ist komisch, diese Gründe darzulegen. Ich weiß, dass sie berechtigt und wahr sind, trotzdem fühlt es sich an wie eine Ausrede. Vielleicht liegt es daran, dass es mir noch schwerfällt, meine „Nachteile“ zu akzeptieren und denke, ich müsste genauso viel leisten wie andere. Aber es gibt auch noch einen anderen Grund: Ich habe Zukunftsangst. Ich habe Angst vor der Unsicherheit nach dem Studium. Ich habe Angst, dass ich meinen Platz nicht finde. Ich habe Angst, dass ich nicht gut genug bin. Ich habe Angst, das Leben nicht hinzukriegen. Dass mich das Leben überfordern wird. Ich habe Angst vor der Welt da draußen.

Ich habe keine Ahnung, was ich nach dem Studium machen will, oder wenn ich das wüsste, wie ich dahin kommen soll. Der Gedanke, mit dem Bachelor fertig zu werden und die Uni zu verlassen, lähmt mich schon beinahe. (Ich weiß, ich könnte einfach mit dem Master weitermachen, aber mal ehrlich, damit würde ich das Problem nur verdrängen und in die Zukunft verschieben.) Ich glaube deshalb, dass ich – zumindest etwas – mein Studium mit Absicht verzögert habe, damit ich mich dieser Angst nicht stellen muss. Wie gesagt, ich fühle mich deshalb schlecht, auch wenn ich nicht genau sagen kann, warum. Vielleicht, weil ich es feige finde. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur zu hart zu mir selbst. Das ist gut möglich, denn ich tendiere generell dazu. Es ist eigentlich auch egal.

Lange Zeit habe ich mich mit dieser Angst sehr allein gefühlt. Ich dachte immer, dass alle anderen um mich herum keine Probleme damit hatten. Inzwischen weiß ich es besser. Viele haben – wenn vielleicht auch keine Angst – keine Ahnung, was sie nach dem Studium machen sollen. Und das zu hören, hilft unglaublich viel. Es zeigt, dass man eben nicht allein mit seinen Sorgen ist. Und es macht es leichter, über seine eigenen Ängste zu sprechen, ohne das Gefühl haben zu müssen, man wäre irgendwie kaputt. Auch wenn es mir selbst manchmal immer noch schwerfällt, mir das bewusst zu machen: Es ist okay, Angst zu haben. Vor der Zukunft, vor dem Leben. Vor dem, was kommen wird, wenn man die gewohnte Struktur der Schule oder der Uni verlässt. Es ist okay. Und ihr seid nicht allein damit.

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