Nachteilsausgleich – Dem Abschluss ein Schritt näher

Nachteilsausgleich… was ist das eigentlich?

Ich studiere schon seit Jahren an der Uni Bielefeld und trotzdem ist mir der Begriff nie wirklich bewusst begegnet. Erst letztes Jahr habe ich mehr darüber gelernt, und zwar während einer „Lili Talks Online“-Veranstaltung, bei der sich das Referat für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (RSB) vorgestellt hat. Vom RSB hatte ich irgendwann schon mal gehört, aber es nicht weiter beachtet, weil ich keine Behinderung habe und daher dachte, es wäre eh nichts für mich. Während dann aber der Nachteilsausgleich vorgestellt wurde, dämmerte es mir auf einmal… Depressionen sind doch auch eine chronische Erkrankung… Hieß das also, es war doch relevanter für mich als anfangs gedacht?

Nun aber erstmal zurück zu der Anfangsfrage: Was ist eigentlich ein Nachteilsausgleich? Auf der Website des RSB steht dazu Folgendes:

„Nachteilsausgleiche sollen Chancengleichheit im Studium gewährleisten. Sie sollen Nachteile, die durch krankheitsbedingte Einschränkungen bestehen, kompensieren. Es handelt sich dabei also nicht um „Vergünstigungen“ oder „Vorteile“ und die fachlichen Anforderungen werden nicht qualitativ vereinfacht!“

Quelle: RSB Nachteilsausgleiche

An und für sich ist das also recht simpel. Das Schwierige für mich war, zu verstehen – und zu akzeptieren! –, dass ich diese Nachteile überhaupt hatte.

Ein wenig zu mir, für den Kontext und das Verständnis. Ich habe letztes Jahr angefangen zu einer Therapeutin zu gehen und schließlich die Diagnose Depressionen erhalten. Für mich war das eine wahre Erleichterung, denn ich hatte endlich einen Namen für das, was mit mir los war. Es lieferte auch eine Erklärung für Probleme, die mir schon länger (metaphorische) Kopfschmerzen bereitet hatten, nämlich Störungen meiner Konzentrationsfähigkeit, meiner Aufmerksamkeit sowie meines Gedächtnisses. Ich denke nicht, dass ich groß erklären muss, warum das beim Studium hinderlich ist, also fasse ich mich kurz: Prüfungen waren ein riesiges No-Go!

Das zeigte sich besonders deutlich bei einer speziellen mündlichen Prüfung, die Abschlussprüfung des Profilmoduls 4: Histories. Wer Anglistik studiert wird sie kennen oder bald kennenlernen, für alle anderen werde ich es kurz erklären. Die Prüfung besteht aus drei Teilen, jeder davon behandelt einen anderen Kurs; sprich, man muss das gesamte Material aus drei verschiedenen Kursen lernen und auch wieder abrufen können! Es klingt nicht nur viel, es ist auch viel! Ich hatte diese Prüfung bestimmt schon drei oder vier Semester geschoben, weil es einfach nicht machbar war für mich; allerdings hatte ich mir immer noch gesagt „Du musst nur früh genug mit dem Lernen anfangen!“ oder „Du musst dir die Zeit dafür nehmen!“ oder „In den Semesterferien hast du dann eh mehr Zeit zum Lernen!“ (Haha…).  

Erst als ich dann letztes Jahr vom Nachteilsausgleich hörte, gestand ich mir endlich ein, dass ich die Prüfung so nicht würde hinkriegen können, es ging einfach nicht. Und es hatte nichts mit Faulheit oder fehlendem Ehrgeiz zu tun, es lag vielmehr an meiner Krankheit. Also wollte ich die Möglichkeit des Nachteilsausgleichs in Anspruch nehmen. Damit mein Weg dorthin so verständlich wie möglich ist, werde ich es in Schritten beschreiben (während des gesamten Prozesses habe ich übrigens alles mit meiner Therapeutin besprochen).

  1. Kontakt zum RSB – Nach der „Lili Talks Online“-Veranstaltung habe ich das RSB kontaktiert und mich näher zum Thema Nachteilsausgleich beraten lassen, zum Beispiel ob es bei meiner Situation überhaupt infrage kommt und wie die nächsten Schritte aussehen würden.
  2. Kontakt zu meiner Dozentin – Das RSB hat mir empfohlen, den „kurzen Dienstweg“ zu gehen und zuerst mit meiner Dozentin zu sprechen, denn manchmal lässt sich sowas auch inoffiziell regeln. Ich habe also meine Situation erklärt und bin glücklicherweise auf Verständnis gestoßen: die Prüfungsform abzuändern sei kein Problem, allerdings sollte ich doch einen offiziellen Antrag stellen (zur rechtlichen Absicherung).
  3. Antrag ausfüllen und abschicken – Der Antrag ist vermutlich das Komplizierteste gewesen. Im ersten Abschnitt muss man als Antragsteller*in sowohl eine Alternative für die Prüfung vorschlagen als auch eine möglichst detaillierte Begründung über die Einschränkungen abgeben – wenn ihr dabei Hilfe braucht, fragt am besten das RSB. Im zweiten Abschnitt muss das Ganze dann von einem (Fach-)Arzt bestätigt werden, in meinem Fall von meiner Therapeutin. (Solltet ihr keine*n Therapeut*in haben, besprecht es am besten mit eurem Hausarzt, wenn ihr euch dabei wohl fühlt!). Wenn das dann erstmal fertig ist, wird es an die richtige Stelle geschickt – normalerweise ist das das Prüfungsamt, in der LiLi-Fakultät der Dekan. Und dann heißt es warten, bis der Antrag hoffentlich bewilligt zurückkommt. [WICHTIG: Bei dem Antrag muss keine Diagnose genannt werden; allerdings fand ich es bei mir unmöglich meine Probleme zu erklären, ohne Depressionen zu erwähnen.]

In meinem Fall hatte ich großes Glück: Es lief alles reibungslos, ich habe meinen Nachteilsausgleich bekommen und konnte die Prüfung an drei separaten Tagen mit jeweils vier Wochen Abstand ablegen, sodass mir genug Zeit und Kapazität blieb, um für alles lernen zu können. Es war immer noch nicht ideal, aber auf jeden Fall besser als vorher!

Im Nachhinein kann ich sagen: Wenn ihr Einschränkungen oder Probleme habt, die das Resultat einer chronischen Krankheit sind (z.B. Depressionen, Angststörungen, etc.), dann kann euch der Nachteilsausgleich wirklich helfen! Und bitte denkt daran:

  • Es ist ein Ausgleich, das heißt ihr kriegt keine Begünstigungen, sondern bekommt nur die Chance, so zu studieren wie andere ohne Erkrankungen!
  • Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn ihr den Nachteilsausgleich in Anspruch nehmt! Es wird auch nirgendwo vermerkt und wenn ihr das nicht wollt, muss das auch niemand außer dem Prüfungsamt und euren Dozierenden erfahren!
  • Ihr müsst euch nicht quälen! Wenn es nicht geht, dann geht es halt nicht, und das ist nichts, wofür sich irgendjemand schämen müsste! Dafür ist der Nachteilsausgleich schließlich da!

Dies ist nur mein persönlicher Erlebnisbericht; für weitere Informationen oder eine persönliche Beratung zu dem Thema kontaktiert ihr am besten das RSB oder lest auf deren Website nach.

Wenn ihr mehr über meine Erfahrung wissen oder euch austauschen möchtet, könnt ihr natürlich auch gerne an liligoesmental@uni-bielefeld.de schreiben!